Retreat

Im russwurm-retreat wird ein Künstler in das Rußwurmsche Herrenhaus (Breitungen/Werra, Thüringen) eingeladen, um in Auseinandersetzung mit der Vergangenheit des jahrhundertealten Baudenkmals sowie der Geschichte und Atmosphäre der Umgebung künstlerische Positionen zu entwickeln und im Haus im Rahmen einer Ausstellung zu präsentieren.

Das russwurm-retreat ermöglicht dem Künstler Rückzug und Einkehr. Ein Aufenthalt vor oder während der Ausstellung ist angedacht.

Das erste russwurm-retreat fand im Juni/Juli 2015 statt. Eingeladen war die Künstlerin Claudia Katrin Leyh, gezeigt wurde die Ausstellung WESEN UND GESCHÖPFE.

 

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Vernissage am 12.6.2015, erster Besucher war Ministerpräsident a.D., Prof. Dr. Bernhard Vogel

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Werkentstehung „Pandora“

Sich zurückzuziehen, in die Peripherie, in der Provinz anders zu denken als im Alltagslauf und künstlerische Kraft zu finden – das ist das Ansinnen des russwurm-retreats, das wir in diesem Jahr das erste Mal ermöglichen. Im Rußwurmschen Herrenhaus in Breitungen an der Werra (Thüringen) soll in einem frei zu wählenden Zeitraum im Sommer ein Künstler Rückzug finden und inspiriert von der sanften Landschaft des Werratals, des Thüringer Waldes und der Rhön sowie der über 550 Jahre Historie des Baudenkmals auf die Entdeckungsreise zu entlegenen Ideen und Kräften gehen dürfen. Gezeigt wird eine Ausstellung des Künstlers, im Idealfall entsteht vor Ort eine neue Arbeit.

Als Pionierin ist die Bildhauerin Claudia Katrin Leyh unserer Einladung gefolgt. Eröffnet wurde ihre Ausstellung „Wesen und Geschöpfe“ am 12. Juni. Viele Interessierte kamen zu dieser Premiere ins Rußwurmsche Herrenhaus, darunter Ministerpräsident a.D., Prof. Dr. Bernhard Vogel, der sich ausgiebig über die Arbeiten informierte.

Claudia Katrin Leyhs Bronzeskulpturen untersuchen den menschlichen Kopf als anatomische Studie und Charakterbild. Jede Regung, jeden Affekt, jede Spiegelung und jedes Verstecken des Menschen arbeitet sie mit Ihren Skulpturen heraus. Die Werke der letzten Jahre reichen dabei von Schalkgesichtern über stille, auratische Figuren bis zu sehr reduzierten, archaischen Formen. Als mutiges Unterfangen widmet sich Claudia Katrin Leyh dem schwersten Gegenstand der abbildhaften Kunst: dem Antlitz des Menschen – und das eben nicht nur als Zeichnung (die wir auch zeigen), sondern in der Dreidimensionalität.

Als Kunsthistoriker mag man an viele Referenzpunkte und frühere Künstler denken, an die überzeichneten Porträts eines Franz Xaver Messerschmidt, an den entrückten Frohsinn der Figuren eines Niclas Gerhaert oder an formklassische Porträtbüsten der Renaissance. Ihre beiden „Regentinnen“ scheinen wie aus eben dieser Erbauungszeit des Herrenhauses, 1550, zu stammen und als Patroninnen unsere Schau zu bewachen.

Mit Ton modelliert Claudia Katrin Leyh vor Ort einen Kopf, der sich mit dem Mythos der PANDORA beschäftigt.

17.7.2015

In einem Künstlergespräch befragte Galerist Robert Eberhardt Claudia Katrin Leyh über ihre Erfahrungen im retreat und ihre Kunst. Vor mehr als 30 Besuchern beschrieb die Künstlerin die besondere Aura des alten Gutshauses, das sich für sie vor allem über die verschiedenen Gerüche (Firnis, alten Ruß, den Küchengeruch ihrer Großmutter) erschloss. Dass es ihr während einiger ruhiger Momente auch recht gruselig zu Mute war, verschwieg die Künstlerin nicht. Vielleicht auch ein Grund, dass sie sich einem lang gehegten Plan annahm und dem antiken Mythos der Pandora zur Skulptur führen möchte: den Moment abzubilden, in dem Pandora ihre Büchse öffnet, wodurch alle Untugenden und Laster auf die Menschheit herabkommen. Die Büchse wurde geschlossen, die Welt ein verdammter Ort, bis Pandora die Büchse erneut öffnet und die darin noch befindliche Hoffnung entweicht.

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